Ein „Kurzschluss“ der Menschenrechte

Papst Leo XIV. zur Meinungsfreiheit in der westlichen Welt 

Vor wenigen Stunden, am 9. Januar 26, hielt Papst Leo XIV. bei der Audienz für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps in der Benediktionsaula eine beachtliche Rede. Kurze Auszüge in der übersetzten Fassung durch Vatican News lesen Sie hier.  

„In unseren Tagen wird die Bedeutung von Wörtern immer fluider und die Konzepte, die sie repräsentieren, immer mehrdeutiger. Die Sprache ist nicht mehr das bevorzugte Mittel der Menschen, um sich kennenzulernen und sich zu begegnen, sondern wird in den Windungen der semantischen Mehrdeutigkeit immer mehr zu einer Waffe, mit der man Gegner täuschen oder aber treffen und beleidigen kann.

Wir müssen dafür sorgen, dass Worte wieder unzweideutig klare und deutliche Wirklichkeiten ausdrücken.

Nur so kann ein authentischer Dialog ohne Missverständnisse wiederaufgenommen werden. Dies muss in unseren Häusern und auf unseren Plätzen, in der Politik, in den Medien und in den sozialen Netzwerken sowie im Kontext der internationalen Beziehungen und des Multilateralismus geschehen, damit dieser wieder die erforderliche Kraft erlangt, um seine Rolle als Vermittler und Schlichter zu erfüllen, die zur Konfliktverhütung notwendig ist, und niemand versucht ist, andere mit Gewalt zu unterdrücken, sei sie verbal, physisch oder militärisch.

Es muss auch angemerkt werden, dass das Paradox dieser Entkräftung des Wortes oft im Namen der Meinungsfreiheit selbst befördert wird. Bei genauerer Betrachtung gilt jedoch das Gegenteil:

Die Rede- und Meinungsfreiheit wird gerade durch die Gewissheit der Sprache und die Tatsache garantiert, dass jeder Begriff in der Wahrheit wurzelt. Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.

(…)

Die von mir dargelegten Überlegungen lassen vermuten, dass es im gegenwärtigen Kontext zu einem regelrechten „Kurzschluss“ der Menschenrechte kommt. Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet.

Dies geschieht dann, wenn jedes einzelne Recht selbstreferenziell wird und insbesondere dann, wenn es seine Verbindung mit der Wirklichkeit der Dinge, mit deren Natur und mit der Wahrheit verliert.

Hervorhebungen stammen vom Verfasser des Artikels.