„Notwehr statt Notstand“

„Wenn die Eliten obsiegen, erhalten wir nicht nur unsere Grundrechte nicht mehr zurück, sondern droht auch das Aus für die Pressefreiheit — Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke bittet um Unterstützung für einen entsprechenden Notfall-Plan.“

Von Jens Wernicke, erschienen im RUBIKON, am 22. Juli 2020.

„Der Rubikon vereint mit seiner Klarheit, seiner Unbestechlichkeit und seinem Mut immer weitere Leser auf sich — doch wie lange wird es ihn noch geben? Die Frage scheint absurd, leben wir offiziell doch in einer Demokratie und gilt die Pressefreiheit. Dennoch wird es immer wahrscheinlicher, dass systemkritische Journalisten und Medien von den Kritisierten eines Tages einfach zum Schweigen gebracht werden können. „Verschwundene“ YouTube-Videos, abgeschaltete Webseiten und eingefrorene Konten von Aktivisten sprechen für sich. Hätten Sie sich vor einem halben Jahr vorstellen können, dass Menschen, die zu dritt spazieren gehen, vom Staat drangsaliert und regierungskritische Positionen zu Straftaten erklärt werden könnten? Dass Vorbereitungen getroffen werden, um Gehorsamsverweigerer zu verhaften und in Psychiatrien wegzusperren? Der Rubikon hat seit den ersten Anzeichen der „Corona-Krise“ nicht einfach nur Dinge behauptet, sondern sorgfältig recherchiert und ausgewiesene juristische und medizinische Experten zu Wort kommen lassen. Das Ergebnis mehrerer Monate Corona-Opposition sowie hunderter Artikel lautet: Die aktuelle Bedrohung für Demokratie sowie Meinungs- und Pressefreiheit ist so ernst, dass sie nicht unterschätzt werden darf. Wir vom Rubikon wollen daher nicht mehr zusehen und abwarten, bis wir diesen Entwicklungen womöglich selbst zum Opfer fallen und oppositionelles Verhalten gar nicht mehr möglich ist. Stattdessen werden wir alle nötigen Vorkehrungen treffen, damit unser Magazin unabhängig bleibt und nicht mehr angreifbar ist. Damit Sie, wohin auch immer die Reise geht, auch in Zukunft noch ein absolut zensurfreies Medium in Händen halten können, dem Sie vertrauen. Hierfür bittet Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke um Ihre Unterstützung.“

„Liebe Leserinnen und Leser,

vermutlich teilen Sie meine Einschätzung der Lage: Sie könnte ernster kaum sein. Die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate belegen es:

  • Prominenten Ex-Parlamentariern und selbst Anwälten wurden im Namen der Volksgesundheit die Webseiten abgeschaltet.
  • Die Anwältin Beate Bahner wurde nicht nur vorübergehend in die Psychiatrie eingewiesen, nein, gegen sie wird auch durch die Abteilung Staatsschutz der Heidelberger Polizei ermittelt, weil sie zu Demonstrationen für Grundrechte und somit „zu Straftaten“ aufrief.
  • Dem Verein „Nicht ohne uns!“, der bundesweit Demonstrationen gegen das Notstandsrecht organisiert, wurde eigenen Angaben zufolge ohne Ankündigung das Konto gesperrt.
  • Facebook und YouTube zensieren teils binnen Minuten Beiträge, die die Erzählung, weltweit würden viele Millionen Menschen an einem Killervirus sterben, auch nur freundlich hinterfragen.
  • Politik und Medien lassen keinerlei Zweifel daran, dass wir unsere Grundrechte womöglich niemals wiederbekommen, obwohl die Infektionszahlen teils lange vor Lockdown und Maskenpflicht sanken und offenbar niemals reale Gefahr für die Allgemeinbevölkerung bestand.
  • Die Politik in weiten Teilen Europas diskutiert inzwischen nicht nur verschärft harte Zensurmaßnahmen, sondern bereitet diese bereits vor — natürlich nicht unter dem Label „Wir errichten die Diktatur“, sondern unter jenem von „Wir retten die Welt“.
  • Überhaupt sieht alles danach aus, dass eines der Hauptziele der gesamten Kampagne die unfreiwillige Massenimpfung der Weltbevölkerung ist. Heute noch leugnen Politiker, dass es darum geht; morgen schon werden sie womöglich eine PR-Kampagne starten, um bei entsprechenden Maßnahmen zumindest die Mehrheit hinter sich zu vereinen.
  • In den nächsten Monaten soll es einen „Schwarzen Freitag“ geben, der denjenigen von 1929 noch in den Schatten stellen wird. Aktuell ist von Ende September die Rede — und zufällig werden die Anti-Corona-Maßnahmen ohne medizinische Legitimation beständig weiter und immer weiter verlängert. Offenbar, damit am Ende die Armen entrechtet und chancenlos sind, wenn der globale Verteilungskampf schließlich die Straßen erreicht.
  • Die reichsten Menschen der Welt haben ihre Vermögen in den letzten Wochen so massiv erhöht, die Nationalstaaten sich soweit verschuldet, dass die Rechnung, sobald sie fällig wird, alles infrage stellen wird, was wir jemals als Sozialstaat, ja, Staat kannten.

Liebe Leserinnen und Leser, meiner Einschätzung nach befinden wir uns in Deutschland aktuell in einer vergleichbaren Situation wie zwischen 1929 und 1933:

Freiheit und Demokratie sind kaum mehr existent — verhandelt wird nur noch, welche Grund- und Menschenrechte in der „neuen Normalität“ womöglich doch noch gewährt werden. Dass die Pressefreiheit stirbt, scheint beschlossene Sache zu sein.

Soweit ich das sehe, muss schnell, besser sehr schnell gehandelt werden. Ich hoffe darauf, dass noch ein paar Jahre zur Verfügung stehen, gehe jedoch nicht davon aus. Natürlich besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass die Zukunft nicht so düster wird wie befürchtet, doch bei näherer Betrachtung der Entwicklungen fällt mir diese Interpretation zunehmend schwer.

Zugleich gilt: Sollte sich alles so weiterentwickeln wie zuletzt, wird es in einigen Jahren womöglich gar keine kritische Infrastruktur mehr geben, keine Zeitung, die den Mächtigen fundiert widerspricht — und auch keine Chance darauf, eine solche überhaupt noch zu gründen.

Nur, wenn wir uns jetzt auf solche Entwicklungen vorbereiten, können wir sicherstellen, dass die Fackel der Wahrheit eines Tages nicht vollständig erlischt.

Auch Rubikon ist bedroht. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen wohl mehr denn je. Darum müssen wir jetzt handeln — und uns auf das vorbereiten, was gegebenenfalls auf uns zukommen wird. Auf das, was zwar nicht sicher geschehen, doch immer wahrscheinlicher wird.

Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, mich an dieser Stelle herzlich bei Ihnen zu bedanken. Ihre finanzielle Unterstützung in den zurückliegenden Monaten hat es ermöglicht, dass Rubikon im Herbst zum ersten Mal feste Mitarbeiter einstellen kann:

Dank des immensen Zuspruchs, den unser Projekt mit bis zu einer Millionen Leser im Monat und einer deutlichen Erhöhung des Spendenaufkommens inzwischen genießt, schaffen wir ab Herbst drei sozialversicherte Vollzeitstellen für die Redaktion. Zwei unserer Teammitglieder sind nun endlich nicht mehr prekär, ein weiteres kommt sogar hinzu.

Und: Auf dem persönlichen Spendenkonto von mir, Jens Wernicke, sind zur Unterstützung meiner Verfassungsklage gegen das Notstandsregime inzwischen 45.000 Euro zweckgebundener Zuwendungen von Leserinnen und Lesern eingegangen. Das reicht für einen „Gang durch die Instanzen“ — und für gute, wenn nicht sogar die besten Anwälte hierfür.

Doch je länger die „Corona-Krise“ dauert, je mehr sich die Menschen an Dauer-Notstand, ausgesetzte Grundrechte, Maskenzwang und Abstandsregeln gewöhnen — umso realer wird auch die Gefahr für investigativen Journalismus und kritische Publizistik, umso mehr steigt das organisatorische und institutionelle Risiko des Rubikon.

In weiser Voraussicht haben wir in den letzten Wochen eine unserer beiden vorhandenen Flanken bereits geschützt. Um die zweite zu schützen, benötigen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, brauchen Ihre Hilfe, Unterstützung und Solidarität.

Die eine zu schützende Flanke war und ist unsere Infrastruktur. Wo es nur ein Fax braucht, um die Webseiten von Wodarg und Bahner aus dem Netz zu nehmen, sind auch wir in Gefahr. Wir haben die letzten Wochen daher damit verbracht, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ab sofort gilt: Sollte man uns eines Tages „aus dem Weg“ räumen wollen, werden die Zensoren ihr „blaues Wunder“ erleben. Denn der Rubikon wird binnen weniger Stunden wieder ans Netz gehen — und dann jedwedem diesbezüglichen Drohszenario entzogen sein. Man wird uns nicht mehr abschalten können; dafür haben befreundete Experten gesorgt.

Das zweite Drohszenario schwebt bereits seit Gründung unserer gemeinnützigen Trägergesellschaft über unserem Kopf: Während die milliardenschwere Bertelsmann-Stiftung, deren Ziel die Privatisierung jedweder staatlichen Daseinsvorsorge und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist, unhinterfragt als gemeinnützig gilt, werden allen NGOs, die auch nur ansatzweise die Regierung kritisieren, derlei Privilegien immer weiter entzogen. Recherchieren Sie zu Attac, zur VVN-BdA und anderen — sie alle wurden „strukturell“ angegriffen, indem ihnen die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde, und werden diese Angriffe wirtschaftlich kaum überleben.

Durch die zunehmende Willkür, Regierungskritik und Friedensarbeit als fast schon „staatsfeindlich“ zu deklarieren, und die Tatsache, dass unsere Firma in Deutschland ansässig ist, werden wir in noch schlimmeren Zeiten Angriffe auf unsere Organisationsstruktur kaum abwehren können.

Nach mehrmonatiger Risikoanalyse und ausführlicher Prüfung der Rechtslage gibt es nur einen wirklich sauberen Ausweg aus diesem Dilemma: Zusätzlich zu einer Domain und Servern am anderen Ende der Welt benötigen wir auch eine ausländische Trägergesellschaft, die bei weiterem Grundrechteabbau jederzeit aktiviert werden kann und sich dem Zugriff deutsch-europäischer Zensoren sicher entzieht.

Mein Ziel war und wird dies auch bleiben, dass Rubikon eine zensurfreie Zeitung ist, die sich niemandem beugt, für die Wahrheit streitet, die Presse- und Meinungsfreiheit verteidigt. Wir haben unsererseits stets alles getan, was hierzu möglich und notwendig war. Doch um der globalen „Corona-Lage“ gerecht zu werden, möchte, ja, muss ich nun Maßnahmen ergreifen, um im Ernstfall legal und ohne „Funktionsverlagerung ins Ausland“ und anderes auf eine neue und andere Trägergesellschaft zurückgreifen und hierdurch sicherstellen zu können, dass die dann ggf. neue Zeitung unangreifbar wird.

Und dazu, liebe Leserinnen und Leser, benötige ich, benötigen wir Ihre Unterstützung: Bitte spenden Sie dafür, dass Rubikon auch diesen, den finalen Schritt in Richtung wirklicher Unabhängigkeit zu gehen vermag, und unterstützen unseren „Plan B“ für den Notfall bereits jetzt, bevor es zu spät ist.

Diese Unterstützung ist deshalb notwendig, weil ich das Nötige allein unmöglich anstoßen und realisieren kann: All Ihre bisherigen Spenden an unser Projekt sind in unserer gemeinnützigen Trägergesellschaft gebunden und dürfen weder entfernt noch mit dieser Neugründung auch nur in Verbindung gebracht werden. Legal und rechtssicher lässt sich unsere zweite Flanke daher nur absichern, wenn Sie Ihre diesbezügliche Unterstützung, die steuerrechtlich dann als Schenkung anzusehen ist, an mich adressieren — für bis zu 20.000 Euro innerhalb von 10 Jahren ist das pro Person steuerfrei und vollkommen legal.

Mit den hierdurch akquirierten Mitteln kann ich dann handeln und das Notwendige veranlassen — ohne mich, unser Projekt oder Anliegen Anfeindungen, Verdächtigungen oder Schlimmerem auszusetzen. Alle anderen Möglichkeiten, die wir analysiert und durchgespielt haben, hielten entschlossenen und harten Angriffen nicht stand.

Deshalb bitte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, um genau dies: Unterstützen Sie unseren Notfallplan für ein inzwischen denkbar gewordenes Zukunftsszenario und schützen mit Rubikon eben jene Zeitung, deren Handeln seit Gründung unmissverständlich verdeutlicht, dass sie sich Zensur und totalitären Tendenzen niemals beugen, sondern die Presse- und Meinungsfreiheit stets verteidigen wird.

In Summe benötigen wir 200.000 Euro. Wir werden damit unser journalistisches Anliegen in etwa so absichern wie Wikileaks und innerhalb weniger Jahre weder formal, noch juristisch, weder über Logistik noch Infrastruktur mehr angreifbar sein. Ich weiß, dass es für viele von Ihnen schwierige Zeiten sind. Dennoch lautet meine Bitte an Sie:

Helfen Sie mit, jetzt die Zukunft zu erbauen — und senden mir per Überweisung an BE64 9671 4886 4852 (aktualisierte Bankverbindung) oder via PayPal Ihren Unterstützungsbeitrag.

Hierzu gebe ich Ihnen folgendes Versprechen: Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um, ganz unabhängig davon, wie Deutschland, Europa und die Welt sich entwickeln, sicherzustellen, dass es stets eine deutschsprachige Zeitung im Internet gibt, die bedingungslos auf Ihrer Seite steht, die Wahrheit verteidigt und die Herrschenden kritisiert — selbst dann, wenn es Presse- und Meinungsfreiheit eines Tages nicht mehr gibt.

Mir persönlich gefällt das skizzierte Vorhaben auch deshalb so gut, weil es voller Kraft und Leidenschaft ist — und weil wir, statt zu jammern oder lamentieren, statt in Ohnmacht zu versinken oder uns mit der Opferrolle zu begnügen, einfach alles daran setzen, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun, um unsere Freiheit, Würde und Unabhängigkeit zu bewahren.

Geben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht auf, sondern bleiben mutig und friedlich-kämpferisch. Verteidigen wir gemeinsam unsere Würde und die Idee einer besseren Welt!

Mit Dank und herzlichen Grüßen
Ihr

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PS: Weniger als 24 Stunden nach Veröffentlichung dieses Aufrufes hat die Sparda-Bank Südwest eG ohne Auftrag und Mandat von mir das Tagesgeldkonto, das hier für Überweisungen angegeben war, aufgelöst und gelöscht. Eventuelle Rückbuchungen bitte ich zu entschuldigen — oben finden Sie eine neue, funktionierende Kontonummer.“

„Dystopische Demokratie: Wenn Menschen aufhören, kritisch zu denken“

„Auch wenn manches wie im Film erscheint, ist das demokratische Happy End doch nicht selbstverständlich.“

von Daniela Ingruber, erschienen im Standard am 19. Juni 2020.

„Anfang der 1990er-Jahre sorgte der französische Anthropologe Marc Augé mit dem Begriff „Nicht-Orte“ für Aufsehen. Er beschrieb damit Orte oder Räume, die so gestaltet sind, dass man nicht lange verweilen will; Warteräume, Bahnhofshallen oder Flughäfen. Man befindet sich auf der Durchreise. Die Architektur sorgt dafür, dass es so bleibt, obwohl dies nie so gesagt wird. Es ist immer ein wenig zu unbequem, die Stimmung ein bisschen zu steril, selbst wenn so getan wird, als wäre alles gestylt und zum Wohlbefinden geschaffen. Da man es nicht anders gewohnt ist, wundert man sich nicht und ist froh, den Nichtort wieder verlassen zu können, denn man wird dort zwar geduldet, ist jedoch nicht willkommen und soll sich noch weniger so fühlen.

Kritisch wird es dort, wo der öffentliche Raum ähnlich gestaltet wird, wenn etwa Parkbänke entfernt oder alteingesessene Kommunikationsflächen so umgebaut werden, dass man die Menschen verdrängt. Das Motiv lautet dann meist Sicherheit oder Modernisierung, und es wird weltweit in Parks, auf Plätzen, in Straßen angewandt – auch schon vor der Pandemie. Dadurch wird auch der öffentliche Raum zur Durchreisestation ohne konkrete Begegnungen.

Demokratie braucht Kommunikation

Was nach einem städteplanerischen Problem klingt, hat demokratiepolitische Auswirkungen. Demokratie nämlich kann ohne Begegnung und Austausch nicht existieren. Demokratie braucht das, was die Menschen benötigen: Kommunikation und das Miteinander. Der öffentliche Raum bietet den alltäglichen Diskurs, macht sichtbar, wie eine Gesellschaft zusammengesetzt und organisiert ist und wie die einzelnen Gruppen miteinander in Beziehung treten oder nicht. Jede Beschränkung des öffentlichen Raums nimmt die Möglichkeit auf Begegnung. Das mag politisch bequem sein, etwa um Austausch im Sinne des Widerstands, Rebellion oder politische Aktion (letztlich auch in Form von Kunst) zu verhindern, doch die tatsächliche Gefahr steckt hinter der Verhinderung des ganz alltäglichen Austausches. Damit spaltet man die Öffentlichkeit, ohne dass diese es bemerkt, denn der Prozess der Nicht-(mehr-)Begegnung verläuft langsam.

In den letzten Wochen wurde ein wenig davon deutlich, auch wenn man es zunächst nicht benennen konnte. Etwas an den leeren Straßenzügen war trotz angenehmer Stille und der Rückkehr von ein wenig Natur irritierend. Es war nicht die Leere an sich, denn diese hatte auch etwas Ästhetisches an sich. Vielmehr war es der Umstand, dass Kommunikation und Begegnung massiv beschränkt wurden.

Leere Straßen und Polizeikontrollen erinnerten an Science-Fiction-Filme. Der Blick aus dem Fenster verrät selbst nach den zunächst partiellen, dann verstärkten Öffnungen: Die vertraute Nachbarschaft hat sich insgesamt verwandelt. Die Ausgangssperren und Betretungsverbote haben aus belebten Plätzen in wenigen Tagen Nichtorte gemacht, und etwas scheint verändert, auch wenn sich die Plätze vorsichtig füllen. Während die Konsequenzen der vielfachen Verordnungen intensiv diskutiert werden, ist der öffentliche Raum für einige Wochen zur demokratischen Leerstelle geworden. Die Folgen sind noch nicht konkret absehbar.

„Das ist wie in einem Science-Fiction-Film“, sagten manche zu Beginn des Lockdowns verwundert. Leere Straßen, Polizeikontrollen, abgeschirmte Politikerinnen, die sich aus der Distanz und mit viel Inszenierung an das Volk wenden, Ausgangssperren, geschlossene Geschäfte, Homeoffice.

Gewohnheit als Feind der Demokratie

Dystopische Filme wie „Matrix“, „12 Monkeys“ oder „Fahrenheit 451“ lassen grüßen. In Letzterem wird die eigentliche Gefahr von radikalen Maßnahmen und Nichtorten deutlich vorgeführt: Menschen gewöhnen sich daran und hören auf, kritisch zu denken. Denn wird die Eigenverantwortung über längere Zeit ausgesetzt, wird auch dieser Zustand zum Alltag, den man nicht mehr hinterfragt. Solche Gewohnheit gehört zu den größten Feinden der Demokratie. Wer sich zu sehr in einem Zustand einfindet, verliert nicht nur die Einschätzungskraft, ob der Zustand gut oder schlecht ist, sondern wird auch taub gegenüber demokratischen Warnzeichen.

Dann wird Information auch dort gesucht, wo man ansonsten keine Wahrheit vermuten würde. Jene, die es am besten vermögen, das seltsame Bauchgefühl zu bestätigen, bekommen Glauben und Vertrauen geschenkt. Die nackte Wahrheit wirkt zu banal, um geglaubt werden zu können. Das Komplexe und Dystopische an Verschwörungslegenden scheint dann unumstößliche Wahrheit, denn sie erklärt vermeintlich das eigene Unwohlsein. Auch dafür sorgt das Weggesperrtsein aus dem öffentlichen Raum.

Das Berieseltwerden durch ununterbrochene Berichterstattung zum selben Thema und zu ständig neuen politischen Maßnahmen steht in starkem Kontrast zu einer anderen Form der Langeweile, die der Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer exzellent beschrieben hat: Er ging davon aus, dass man tief in die Langeweile eintauchen müsse, bis nichts mehr da ist, mit dem man sich langweilen kann, dann entstehe ein Zustand des Denkens, der sich in besonderer Kreativität oder in Rebellion zeige. Das funktioniert allerdings nur – so Kracauer schon 1929 –, wenn man sich nicht von Information einlullen lässt. Die Isolation und die exzessive Mediennutzung der letzten Monate bewirken das Gegenteil: Sie legen Kreativität und politisches Denken lahm.

Womit man wieder bei der Gewohnheit als Feind der Demokratie wäre, wobei Demokratie auch vor der jüngsten Krise häufig negativ besetzt wurde, ob als illiberal, fragmentiert oder postdemokratisch. Verschiedenste neue Worte für den Zustand der Demokratie wurden in den letzten 20 Jahren gefunden, nahezu alle davon kritisch und ein nahes Ende ausrufend. Der Grundtenor vielfach: dystopisch. Als wäre die Demokratie ein Film.

Demokratie heilt sich nicht selbst

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die Bilder aus Filmen eine Wirklichkeit in den Köpfen geschaffen haben, die nur deshalb die aktuelle Situation nicht so fremd wirken lässt, weil man sie bereits unzählige Male im Kino oder Fernsehen gesehen hat: ein durchstrukturierter öffentlicher Raum, organisierte Begegnung, Kontrolle. Hat man sich zuerst an die Filmbilder gewöhnt, sodass sich die Realität in diese vertrauten Bilder einfügen lässt? Demnach würde die Dystopie zum Normalzustand, zur neuen Normalität.

Hans Kelsen, der Vater der österreichischen Verfassung, glaubte, dass sich Demokratie ständig verändern müsse, um lebendig zu bleiben. Er behielt für sich, in welche Richtung sie sich ändern muss. Demokratie ist nicht nur ein politisches System. Demokratie ist zudem eine Lebenseinstellung, ein Lebensstil. Man geht nicht nur alle paar Jahre in die Wahlzelle, politisches Sein und Tun wirken immer auch in den Alltag hinein, das geht von Konsumentscheidungen über den Arbeitsplatz bis hin zur Auswahl der Medien, die man konsumiert, der Menschen, die man trifft, und jener, die man meidet.

Das wiederum muss nicht bedeuten, dass alle Menschen politisch sind, doch neben ihren erkämpften Rechten liegt demnach auch die Verantwortung für die Demokratie direkt bei ihnen. Demokratie kann auf Dauer kein Nichtort sein, sonst wird die Leerstelle von anderen Systemen gefüllt. Demokratie wird sich auch nicht selbst redemokratisieren, sondern es wird an der Kreativität der Bürgerinnen liegen, ihre Demokratie weiterzubauen. Denn aus der Dystopie führt nie ein Herrscher, sondern stets nur die Bevölkerung.“

Daniela Ingruber ist Demokratie- und Kriegsforscherin an der Donau-Universität Krems im Projekt Austrian Democracy Lab.

„Das Corona-Regime“

„Durch eine beispiellose Angstkampagne wird derzeit Macht in den Händen einiger Weniger konzentriert und werden Freiheit und Demokratie zu Grabe getragen.“

von Christian Kreiß, erschienen im Online-Magazin RUBIKON am 13.06.2020. Kreiß studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach sieben Jahren Berufstätigkeit als Investmentbanker in verschiedenen Geschäftsbanken unterrichtet er seit 2002 als Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen.

„Das Corona-Regime rettet nur Wenige vor Ansteckung und bringt Not und Elend über Millionen Menschen. Arbeitslosigkeit und psychische Probleme grassieren. Über kurz oder lang wird die Zahl der in der Folge der „Corona-Maßnahmen“ Gestorbenen die der Corona-Toten um ein Vielfaches übertreffen. Die Lüge — zumindest die irreführend Verdrehung der Wahrheit — kommt von ganz oben, in Deutschland zum Beispiel von Kanzlerin Merkel. Wider besseres Wissen betreiben Regierende eine Politik der Einschüchterung durch Angst, um einen antidemokratischen Prozess der Machtkonzentration in den Händen Weniger voranzutreiben. Am 13. Juni findet in der Ulmer Friedrichsau eine Großdemonstration der Initiative „Querdenken — 731 Ulm“ gegen die Corona-Beschränkungen statt. Auf dieser Veranstaltung hält Prof. Christian Kreiß folgende Rede.

Als Ökonom möchte ich mit ein paar sozial-ökonomischen Entwicklungen beginnen. Laut Wall Street Journal verdoppelt sich dieses Jahr die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt von 130 Millionen auf 260 Millionen. 260 Millionen Menschen: Das sind ungeheuer viele. Darunter sind erfahrungsgemäß sehr viele Kinder. Davon sterben immer ziemlich viele. Was können Zahlen schon sagen? Vermutlich werden wir schon dieses Jahr mehrere Millionen zusätzliche Hungertote sehen, vor allem Kinder, vor allem Mädchen, vor allem Schwarze und Farbige. Der Grund: Die Covid-Lockdown-Maßnahmen, die von dem Vorbild „westliche Welt“ ausgingen und unhinterfragt in den meisten Ländern der Dritten Welt übernommen wurden. Deshalb stehe ich hier und demonstriere friedlich.

Mehrere Millionen Hungertote. Die Zahl der Corona-Toten weltweit liegt momentan unter 0,5 Millionen.

Etwa 1,5 Milliarden Schüler wurden weltweit aus den Schulen ausgesperrt. Laut Wall Street Journal werden viele davon in der Dritten Welt nicht wieder in die Schulen zurückkehren, vor allem Mädchen, vor allem Farbige. Wegen des Corona-Lockdowns nach westlichem Vorbild. Deshalb stehe ich hier und demonstriere.

Es gibt weltweit etwa 240 Millionen Gastarbeiter, die vor allem aus besonders armen Ländern in wohlhabendere Länder wandern und von dort Überweisungen an ihre Familien in der Dritten Welt machen. Das Geld ist oft überlebenswichtig. Ein großer Teil davon fällt jetzt bereits weg, die Überweisungen kollabieren, die billigen Arbeitskräfte werden Dutzend-Millionen-Weise zurückverfrachtet. Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend in den Herkunftsländern steigen dramatisch. Wegen des Corona-Lockdowns nach dem Vorbild von uns Industrieländern.

In Ländern wie Indonesien, Philippinen und dutzenden anderen kollabieren Importe und Exporte. Die Folge: Massenarbeitslosigkeit, Elend und Not. Die Lebensmittelpreise in besonders armen Regionen sind laut Wall Street Journal deutlich gestiegen, für viele unerschwinglich hoch. 36 Länder der Dritten Welt stehen vor starken Schuldenproblemen. Finanzkrisen sind abzusehen. Ich war sieben Jahre Investment-Banker und denke, das wird für einige Länder und viele hundert Millionen Menschen übel ausgehen. Der Grund: Corona-Lockdowns weltweit nach westlichem, nach unserem Vorbild. Deshalb stehe ich hier und demonstriere.

Die Situation in den USA: In den letzten neun Wochen haben sich etwa 30 Millionen US-Amerikaner arbeitslos gemeldet. 30 Millionen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 28 Prozent. Besonders hart betroffen: Schwarze. Deshalb stehe ich hier und demonstriere. Knapp 40 Prozent der US-Haushalte mit Kindern unter 12 Jahren wissen nicht, wie sie sich ernähren sollen. Überdurchschnittlich hart davon betroffen: Schwarze. Grund: Corona-Lockdown.

Ein Blick nach Deutschland: Momentan sind bei uns über 20 Prozent der arbeitsfähigen Menschen arbeitslos, die meisten davon auf Kurzarbeit. In Baden-Württemberg war im April jedes vierte Produktionsunternehmen geschlossen. Es sind hunderttausende Operationen ausgefallen, unter anderem gegen Krebs, hunderttausende Arztbesuche unterblieben. Wegen der Corona-Maßnahmen, wegen der Corona-Angst. Man schätzt die Folgetoten auf 125.000. Das sind natürlich alles nur ganz grobe Schätzungen, kein Mensch weiß, ob die Zahlen stimmen. Sicher ist: Es wird gravierende gesundheitliche Folgeschäden geben, sicher auch viele Tote in unserem Land. Wegen der Corona-Maßnahmen und der Covid-Angst. Zum Vergleich die Zahl der Corona-Toten in Deutschland am 9. Juni 2020: unter 9.000; Durchschnitts- und Medianalter: etwa 80, praktisch alle mit mehreren schweren Vorerkrankungen, multimorbid vorerkrankt. Man könnte den Verdacht haben, die staatlich verordnete Kur sei um ein vielfaches schlimmer als die Krankheit. Deshalb stehe ich hier und demonstriere.

Kommen wir zu den Ursachen dieser weltweiten, dramatischen Entwicklungen, die meiner Einschätzung nach zu dutzenden Millionen Toten führen werden, vor allem in der Dritten Welt, vor allem bei Kindern, Mädchen, Schwarzen und Farbigen. Wegen der Covid-Lockdowns nach westlichem Vorbild.

Der Hauptgrund dafür ist nicht Covid, sondern die Angst vor Covid. Diese Angst wird seit Monaten auf fast allen Medienkanälen geschürt. Und gleich vorneweg: Diese Angst ist meiner Meinung nach zum allergrößten Teil und für den allergrößten Teil der Bevölkerung unbegründet und daher vollkommen unsinnig. Diese Angst wird bewusst und aktiv geschürt. Covid ist ein extrem aggressives Virus für ganz bestimmte Zielgruppen. In Alters- und Pflegeheimen werden die Menschen dadurch mit rasender Geschwindigkeit hinweggerafft.

Das stimmt. Das ist grausam. Diese Menschen muss man dringend schützen. Aber für junge und gesunde Menschen, bei Kindern und nicht multimorbid Vorerkrankte stimmt es nicht. Da sprechen alle Zahlen eine eindeutige Sprache. Selbst die Zahlen der Impflobby. Selbst die Zahlen der Johns Hopkins University. Selbst die Zahlen des RKI, selbst die Zahlen der Bundesregierung. Aber dieser beruhigende Teil der Nachrichten wird praktisch immer weggelassen. Es wird auf fast allen Kanälen dermaßen einseitig Angst schürend berichtet, dass es an aktives Lügen grenzt.

Und das kommt von ganz oben. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte beispielsweise am 13. Mai 2020 „Corona ist und bleibt also eine Gefahr für jede und jeden von uns“. Das ist eine objektive Unwahrheit. Corona ist keine Gefahr für jede und jeden von uns, sondern nur für ganz bestimmte Zielgruppen. Nochmal: Durchschnitts- und Medianalter der Covid-Toten liegen um die 80. Praktisch alle Covid-Toten waren statistisch signifikant sehr alt und/ oder multimorbid vorerkrankt. Wenn Frau Merkel diese Zahlen vorlagen, wovon ich ausgehe, und wenn Frau Merkel als promovierte Physikerin Statistiken lesen kann — sie beschäftigte sich schon in ihrer Diplomarbeit mit statistischen Fragestellungen — wenn die Kanzlerin diese Aussage also bewusst falsch gemacht hat, dann ist diese Aussage von Frau Merkel eine Lüge. Ich wiederhole: Diese Aussage von Bundeskanzlerin Merkel vom 13. Mai 2020 ist objektiv unwahr und wenn sie dies wusste, dann ist es eine Lüge. Eine Unwahrheit, die Angst erzeugt und meiner Einschätzung nach Angst erzeugen soll.

Dass seitens der Bundesregierung bewusst mit Angst gearbeitet werden sollte, hat ja auch ein regierungsinternes Dokument gezeigt, das ans Tageslicht kam und das detailliert aufzeigt, wie man konkret bei der Darstellung von Covid Angst erzeugen soll.

Dieser Angsterzeugung dienen meiner Meinung nach auch diese abstoßenden, unmenschlichen, medizinisch hochgradig umstrittenen Gesichtsmasken. Deshalb stehe ich hier und demonstriere.

Diese Unwahrheiten kommen also von ganz oben. Und fast die gesamte Medienlandschaft hat diese extrem einseitige, Angst erzeugende Darstellung über Covid übernommen. Die Einseitigkeit der Darstellung ist meiner Einschätzung nach so stark, dass sie schon an Lügen grenzt. Eine nüchterne, objektive Diskussion um die realen Gefahren und Gegenmaßnahmen gegen Covid war dadurch praktisch nicht mehr möglich. Das Angst-Klima war derart aufgeheizt, dass alle Menschen, auch sehr gute Experten, die sehr gute Argumente gegen die Angst hatten, praktisch nicht mehr zu Worte kamen, sondern teilweise sogar diffamiert wurden. Der Argumentationsstil in den Medien war oft geradezu erschreckend. Das war sehr schmerzhaft.

Jetzt versuchen viele Medien, friedliche Demonstranten zu diffamieren, die sich für Grund- und Menschenrechte und gegen die unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen einsetzen, indem man sie in eine rechte Ecke stellt. Die Demonstrationen seien von Reichsbürgern unterwandert, von der AfD, von Rechten, von Esos, von Spinnern. Das ist unwahr, unehrlich und unaufrichtig. Deshalb stehe ich hier und demonstriere.

Um diese Angst zu propagieren benutzt man bestimmte Wissenschaftler, die man zu Wort kommen lässt. Andere Wissenschaftler lässt man nicht zu Wort kommen. Der prominenteste, Angst erzeugende Wissenschaftler auf diesem Gebiet in unserem Land ist Christian Drosten. Herr Drosten ist schon vor einigen Jahren mit massiven Fehlprognosen aufgefallen. Er hat schon im Juni 2010 massiv vor der Schweingrippe gewarnt. Sie werde über ganz Deutschland hinwegziehen. Wörtlich:

„Bei der Erkrankung [Schweinegrippe] handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt, als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann.“

Das waren alles Enten, Fehlaussagen, Fehlprognosen, das Gegenteil dessen, was eingetreten ist. Herr Drosten ist also erwiesenermaßen ein großartiger Fehlprognostiker. Warum wird er heute zum Hauptsprachrohr ernannt? Ich war sieben Jahre Investment-Banker. Wenn jemand einen ganz heißen Tipp gegeben hat zu einer Aktie, die werde absolut sicher hochgehen — und dann stürzt sie ab — das kommt gar nicht gut an. Auf solche Leute hört man künftig nicht mehr. Unsere Bundesregierung und viele unserer Leitmedien schon, sogar erst recht. Denn Herr Drosten ist sehr nützlich, um die gewollte Angst zu schüren.

Kurz: Diese in der Bevölkerung weit verbreitete Angst ist meiner Meinung nach kein Zufall, sondern aktiv erzeugt. Wozu? Wozu um alles in der Welt macht man den Menschen denn bewusst solche Angst?

Nun, diese Angst ist für bestimmte Zwecke sehr nützlich. Man kann sich dadurch als Macher profilieren, wie der machthungrige Populist Markus Söder in Bayern. Eine Anekdote am Rande: Meine Familie und ich ruhten uns nach einer ganz legalen Bergwanderung Ende März am Walchensee in Oberbayern aus. Kommt die Polizei, verlangt unsere Ausweise, beschimpft uns: „Ja spinnt’s denn ihr?“ Auf die Frage, was denn die Rechtsgrundlage der Beschimpfung sei, kam die Antwort, wortwörtlich: „In der Sonne sitzen ist verboten.“ Da dachten wir uns: Jetzt sind wir in einem Irrenhaus gelandet. Dank Herrn Söder. Deshalb bin ich hier und demonstriere.

Zurück zum Thema: In einer Angststimmung kann man als machthungriger Politiker Grundrechte aushebeln und seine Macht erhöhen: Das Recht auf Versammlungsfreiheit, das Recht auf Religionsausübung, das Recht, sich im Freien aufzuhalten, das Recht, alte und kranke Menschen zu besuchen, um ihnen Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Zuwendung, menschliche Nähe zu schenken und Trost zu spenden und so weiter und so fort. So etwas kommt Machtmenschen immer entgegen. Und praktisch alle Politiker sind Machtmenschen, denen es meist mehr um ihr Ego als um das Wohl der Bevölkerung geht.

Diese Angst hat aber für bestimmte Bevölkerungsgruppen auch noch andere Vorteile. Je größer die Angst, desto sicherer kommen Lockdowns, desto weiter verbreiten sie sich in der Welt und desto länger bleiben sie. Und es gibt riesige Gewinner durch diese Shutdowns. Nämlich bestimmte Großkonzerne und Multimilliardäre, die auf unvorstellbar hohen Liquiditätsbergen sitzen. Denn in allen Wirtschaftskrisen gilt: Cash is king. Das wissen manche sehr gut. Bezos, Zuckerberg, Bill Gates, Warren Buffet und Larry Ellison sind bislang die fünf ganz großen Gewinner dieser Krise.

Schon Ende Mai hatten die Milliardäre in den USA durch die Krise einen Vermögenszuwachs von 434 Milliarden Dollar erzielt. Gleichzeitig lebten Ende Mai in den USA 38 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze und 28 Millionen waren nicht krankenversichert. Hohe Arbeitslosigkeit in breiten Bevölkerungskreisen hat noch den zusätzlichen Vorteil für die Großkonzerne und Milliardäre, dass man dadurch die Löhne drücken kann. Die Leute wehren sich nicht mehr gegen niedrige Löhne. Zu groß sind Job-Angst und die drohende Arbeitslosigkeit.

Für mich als Wirtschaftshistoriker ist das kein Zufall und kommt wenig überraschend. Ganz Ähnliches haben wir in der Geschichte schon in der Weltwirtschaftskrise von 1907 gesehen, wo ganz wenige Männer, vor allem John Pierpont Morgan sein Vermögen durch die Krise ungemein vergrößert hat, während er Millionen Menschen in Armut gestürzt hat. Denn JP Morgan mit seinem gigantischen Banken- und Industrieimperium hat die Krise damals bewusst und vorsätzlich herbeigeführt, gerade um sich zu bereichern, um die Konkurrenz auszuschalten. Ähnliches geschieht heute wieder. Aber es ist nicht mehr ein Mann allein mächtig genug dazu. Die Großen fressen die Kleinen. Und wollen die Kleinen fressen. Jeder Tag länger Lockdown bedeutet das Ausschalten von ein paar zigtausend kleinen und mittelständischen Unternehmen zusätzlich. Ein paar Monate später kann man dann billig fischen gehen. Die Macht der Mächtigen wird durch die Covid-Lockdowns ungemein vergrößert.

Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt. Die Bündelung von Macht in den Händen sehr weniger, sehr vermögender, nicht demokratisch gewählter Menschen nimmt durch die Lockdowns, durch die bewusste Angstverbreitung dramatisch zu.

Bündel heißt auf Italienisch il fascio. Daher kommt der Begriff Faschismus. Ich habe die große Sorge, dass Corona für diese Zwecke bewusst instrumentalisiert wird, dass die ganze Angsterzeugung mit der Absicht gemacht wird, faschistische Prozesse voranzutreiben, konkret: Die Bündelung von Macht in den Händen von Wenigen, die von niemandem gewählt wurden. Das sind sehr gefährliche, antidemokratische Entwicklungen. Ich habe die große Sorge, dass unsere Grundrechte dadurch dauerhaft eingeschränkt werden. Ich habe die große Sorge, dass unser wunderbares Grundgesetz, das wir uns mit so viel Leid erkauft haben, immer mehr ausgehebelt wird. Wir sollten das erkennen und uns dagegen wehren. Deshalb sind wir hier auf dieser friedlichen Demo: für Freiheit, für Demokratie, für Menschenwürde und für unsere wunderbaren Grundrechte.“

„Der Elefant im Raum“

Ein Artikel von Johannes Kreis, erschienen am 07. Juni 2020 im Online-Magazin RUBIKON.

„Eine Einordnung der aktuellen Sonderauswertung zu den Sterbefallzahlen des Jahres 2020 für Deutschland ist notwendig.

Inzwischen liegen genug Daten zu COVID-19 vor. Doch je mehr Daten es gibt, desto weniger wird darüber berichtet. Dennoch lässt sich die entscheidende Frage, ob sich etwas über das saisonale Maß hinaus Gefährliches verbreitet hat, inzwischen beantworten.“

„Pädagogik 2020“

Unter dem Titel „Gefährliche Masken-Pädagogik“ veröffentlichte das Online-Magazin Rubikon am 05. Juni 2020 meinen Artikel zur gegenwärtigen Pädagogik.

„In rasanter Geschwindigkeit entfernt sich die Gesellschaft von dem bisher geltenden Konsens, in dem Bedürfnisse und Rechte von Kindern im zivilisatorischen Selbstverständnis ganz zuoberst eingereiht wurden. Im Namen des Gesundheitsschutzes wird die psychsiche Gesundheit der Heranwachsenden massiv gefährdet. Grundlegende natürliche Bedürfnissse werden per Eindämmungsverordnung untersagt und unterdrückt. Aber auch die Eltern und ihre Beziehung zu ihrem Nachwuchs werden gefährdet und massiv gestört. Dazu trägt der Masken-Wahn bei. Für das, was geschieht, und für den Schaden, der damit angerichtet wird, gibt es keine Rechtfertigung.

Ganz zahlenfrei, ganz ohne Statistiken, möchte ich zur Pädagogik dieser Tage Stellung nehmen. Es ist dies meine Meinung, die ich mir als Mensch zum Thema Kindheit und Kinder mache. Aber, weil das heute selten reicht, beziehe ich mich auch auf meine therapeutische Tätigkeit mit Kindern, vor allem den kleinen und sehr kleinen unter ihnen.

In den verschiedenen Regierungen unserer Bundesländer hält man sich noch mit Christian Drostens Einschätzung auf, um eine alternativlose Politik zu perpetuieren. Wer jedoch den Blick auf das Zwischenergebnis einer neuen Untersuchung der Unikliniken Heidelberg, Freiburg und Tübingen wagt, bei der 2.500 Kinder bis zehn Jahre und jeweils ein Elternteil auf das Virus und mögliche Antikörper getestet wurden, fällt dem geneigten Leser folgendes auf: Das Ausbreitungsrisiko von Infektionen mit Covid-19 bei Kindern in Notbetreuung im Vergleich zu den Kindern, die zu Hause betreut wurden, war nicht erhöht.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte am 26. Mai 2020 in Stuttgart (1): „Wir können ausschließen, dass Kinder Treiber des Infektionsgeschehens sind“, „deshalb sei es auch gerechtfertigt, Kitas und Grundschulen bis Ende Juni wieder vollständig zu öffnen.“ Kinder erkranken seltener an Covid-19: „Der Unterschied ist signifikant.“

In diesen wieder geöffneten Schulen herrschen Szenen, die beachtliches komödiantisches Potenzial aufwiesen — wäre der Rahmen nicht so ungeeignet für die Posse. Wer keine kleineren Kinder hat, verpasst hier einiges: Ein groteskes Theater, das jeder pädagogischen Grundlage bitterlich entbehrt. Maria Montessori würde weinen. Wir tun das in Stellvertretung.

Mit Strick auf Abstand

Am 8. Mai 2020, dem Geburtstag unseres Grundgesetzes, machte ich mich mit einer Mitstreiterin in einer oberbayerischen Gemeinde auf, unseren Verein notariell begründen zu lassen, mit dem wir unsere schwer angeschlagene Demokratie zu heilen gedenken. Es war kurz vor Mittag. Das Bild, das sich uns auf einer Hauptstraße bot, war folgendes: zwei Damen, hängend an Stricken, am anderen Ende jeweils zwei Buben. Ein Strick rot, einer gelb.

Der allererste Versuch, die Szene einzuordnen, misslang. Das Bild war nicht Ausdruck einer Protest-Aktion, wie wir zunächst vermuteten. Die Damen machten keinen sehr widerständigen Eindruck. Prompt erklärte sich die Szene: Die Mutter eines der Kinder radelte heran, stoppte rechtzeitig und ausreichend weit entfernt, sodass Buben, nebst Erzieherinnen an der Leine, diese begrüßen konnten.

Der Versuch, diese Szene Freunden zu beschreiben, machte es stets notwendig, zu konkretisieren: „der Strick wird eben auf Spannung gehalten, so wird der Abstand jederzeit gewährleistet“.

Schulschließungen weltweit

Hier soll es nun nicht darum gehen, auf wie viel Geistesgegenwart in der Öffentlichkeit zu stoßen ist, wenn es um die Bedürfnisse von Kindern geht. Bei aller Dringlichkeit in der Sache, möchte ich auch nur kurz zur Situation der ärmsten Kinder auf diesem Planeten Stellung nehmen, die keine Lobby besitzen, aber einen lukrativen Marktwert für Philantropen.

„Die Corona-Krise wirft uns in Fragen des Kindeswohls um Jahre zurück“, so Marc Dullaert, Gründer und Vorsitzender von kids-rights, einer holländischen NGO, die sich für Kinderrechte einsetzt, in deren Jahresbericht (2). Millionen von Kindern würden vermutlich in extreme Armut geraten. Aber auch die Maßnahmen der Regierungen hätten einen desaströsen Einfluss auf viele Kinder.

Die Schulschließungen in 188 Ländern führten zu einem Anstieg an Kinderarbeit und Verheiratungen unter Kindern. Mädchen würden wieder vermehrt als Teenager schwanger und der Anstieg an häuslicher Gewalt während des „Lockdowns“ sei insbesondere für Mädchen verheerend.

Diese Fakten, die ohne Glaskugel vorhersagbar waren, sind eine humane Katastrophe und verschuldet von Regierungen, die sich oft genug als besonders zivilisiert und menschenfreundlich hervortun.

Auch, wenn wir nach Deutschland blicken, müssen wir erkennen, welche Schäden Schul- und Kindergartenschließungen bei einer Vielzahl von Kindern bereits heute verursacht haben. Die Presse bemühte meist den Blick auf die Doppelbelastung der Eltern. „Doppelbelastung“ ist dabei regelmäßig ein verharmlosender Begriff. Wer bereits mit Kindern zu tun hatte, weiß, dass diese ihre Eltern nicht bloß in einer Rolle fordern.

Was hingegen bislang wenig thematisiert wurde, war, was mit den Kindern geschieht, die wenig behütet in Familien aufwachsen, in denen schlichtweg sie für das Problem gehalten werden. Nach der Einsicht „Ich muss arbeiten, aber das Kind ist im Weg“, ergeben sich gehäuft Übergriffe auf diese Kinder. Das liest sich dann in der Presse, wie vom Teamleiter der Kinderschutzhotline und Kinderarzt Oliver Berthold gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) beschrieben:

„Wir werden teilweise wegen Verletzungen kontaktiert, die sonst nur bei Zusammenstößen mit Autos auftreten. Da geht es um Knochenbrüche oder Schütteltraumata“ (3).

Worauf ich hier abstellen möchte, ist die Situation der Kinder, die in unserem Land besonders privilegiert sind: weil ihre Eltern aller Regel nach gebildet und ausreichend vermögend sind, um sich alternative Ansätze in punkto Pädagogik leisten zu können.

Maskierte Beratung?

Es erreichen mich mitunter Anfragen von Eltern, die in meine Praxis kommen möchten und vorab wissen möchten, ob auch ihre Säuglinge Masken zu tragen hätten. So schnell ging das also: Das Durchregieren innerhalb von wenigen Wochen und schon zählt der Atem des neugeborenen Sohns, der Tochter, fast nichts mehr.

Wenn Mütter 2020 ihr Baby im Krankenhaus zur Welt bringen und nach der Geburt feststellen, dass weder ihr Neugeborenes noch sie selbst, neugeborene Mütter, schlafen können, wenn sie dann nach dem Baby im Glasbettchen neben ihrem Bett verlangen, weil ihnen erfolgreich vorgegaukelt wurde, sie dürften ihr eigenes Kind nicht selbst an sich nehmen, dann wird ihnen mitgeteilt, sie dürften das Kind „aber nur auf eigene Verantwortung“ ins eigene Bett nehmen.

Wirklich wahr, das lässt einen ja geradewegs erschaudern! Auf eigene Verantwortung? Also wirklich? Das geht aber weit! Das legt ja verdächtig nahe, dass Eltern wirklich auch nach dem dreitägigen Krankenhausaufenthalt selbst verantwortlich sein sollten. Da mag man fast sagen: Gott sei Dank übernimmt die Verantwortung für unsere Gesundheit seit Mitte März nun der deutsche Staat.

Eine urmenschliche Kompetenz

Im Gespräch mit den Eltern und dem Säugling geht es dann um deren Fähigkeit, in Kommunikation mit ihrem Kind zu treten. Was ich in diesem Fall tue, ist, den Eltern Vertrauen in eben ihre urmenschlichen Kompetenzen zu vermitteln, miteinander in Verbindung zu treten. Ganz konkret, wenn es um die Ausscheidungsbedürfnisse der Babies geht. Wir verstehen, wenn Neugeborene uns mitteilen, dass sie ausscheiden müssen. Und dann helfen wir ihnen dabei. Ausscheidungskommunikation heißt das auf deutsch, vulgo „Windelfrei“. Und auf internatonal: elimination communication.

Eltern können das, selbst bei ihrem ersten Kind — sie sehen, sie lesen und sie verstehen, was ihr Kind ihnen mitteilt. Was bei uns seit einigen Jahren immer bekannter wird, weiß man „natürlich“ eigentlich auf der ganzen Welt. Jean Liedloff hat in ihrem „continuum concept“ schon in den 1970er Jahren davon reden gemacht — allerdings so nebenbei. Daher ist es kaum jemanden je aufgefallen, dass Windeln eine erstens „neue“ und zweitens freilich keine conditio sine qua non in der Realität mit Babies darstellen können.

Kommunikation von Anfang an

Menschen kommunizieren miteinander. Und zwar vom ersten Moment an. Unsere Kinder kommen zur Welt und teilen sich uns mit. Sie übermitteln uns ihre Grundbedürfnisse. Die Lust, die Bedürfnisse seiner Kinder von Anfang an ernst zu nehmen, hat einen Namen: „attachment parenting“ nach William Sears, US-amerikanischer Kinderarzt oder nach der artgerecht-Bewegung: artgerechtes Kinder-Aufziehen (4). Mit diesen Bestrebungen sind wir nun wohl an die Wand gefahren. Oder geht das beides? Kindeswohl aktiv gefährden und trotzdem artgerecht wollen?

Notwendige Voraussetzung zur vollen Ausschöpfung des Potenzials junger Eltern dazu, mit ihrem Kind in Beziehung zu treten, ist, dass diese emotional erreichbar sind.

Sind sie das nicht, weil sie psychisch erkrankt sind oder weil sie unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stehen, so kommt das fein austarierte System ins Wanken. Sind Eltern emotional nicht erreichbar, geraten Babies und auch Kinder in großen Stress. Kinder unter Stress weisen höhere Cortisol-Werte auf, als entspannte Kinder, das ist bekannt (5). Kinder mit dauerhaft erhöhten Stress-Levels sind davon bedroht, selbst psychisch zu erkranken. Auch das ist bekannt. In jedem Fall sind sie weit davon entfernt, ein glückliches Leben zu leben.

Was passiert denn nun, wenn Mama und Papa, wenn Oma und Opa, wenn Erzieherinnen und Erzieher ihr Gesicht hälftig mit einer Maske bedecken? Ja, was liebe Menschen da draußen, mit und ohne Kinder — was wird da wohl passieren?

Kinder geraten in Stress. Kinder können das Gesicht nicht lesen. Sie sind abhängig davon, die Gesichter ihrer Bezugspersonen lesen zu können, um sich selbst emotional regulieren zu können. Ach ja, dazu müssen sie auch zügig und prompt in den Arm genommen werden, wenn sie aus dem emotionalen Gleichgewicht gefallen sind. Sonst droht seelischer Schaden. So viel zu Babies und Kleinkindern.

Das bisschen Mimik?

Aber wie ist das bei Kindern im Kindergartenalter? Zwischen drei und sechs Jahren entwickelt sich die emotionale Stabilität der Kinder in Meilenschritten. Mit jedem Lebensjahr werden Kinder unabhängiger von ihren Bezugspersonen und benötigen sie weniger zur Regulation ihres eigenen emotionalen Zustands. Dennoch ist es ein Fakt, dass auch Kinder dieses Alters angewiesen sind auf die Mimik ihrer Bezugspersonen. Wem ich nicht ins Gesicht blicken kann, den erkenne ich nicht — den verstehe ich nicht.

Das ist ein Grund, weshalb Kinder viele Jahre benötigen, um mit ihren Großeltern telefonieren zu lernen. Kommunikation, ohne das leibhaftige Gegenüber, ist nur hälftig — die wesentliche Hälfte fehlt. Wie nett — das haben unsere Kinder im verordneten „Homeschooling“ gelernt, ja, auch an unseren privaten Montessori- und Waldorfschulen.: Wir brauchen einander in der Wirklichkeit. Darunter ist es nicht gut. Virtuelle Realität darf abdanken.

Und wie ist das bei Kindern im Schulalter? Bei Grundschülern? Bei Schülern zwischen zehn und achtzehn Jahren? Wie ist das bei Ihnen? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit maskierten Personen sprechen müssen? Wenn sie einander kennen, dann geht das schon einigermaßen, man versteht sich trotzdem. Ob man sich aber gleich empathisch gegenüber tritt, wie von Angesicht zu Angesicht? Gewiss nicht!

Wie geht es Ihnen, wenn Sie mit maskierten Personen sprechen, die Ihnen unbekannt sind? Ihnen wird auffallen, dass da etwas nicht so reibungslos verläuft, wie Sie es gewohnt sind. Und nun wird verständlich, wie es unseren Grundschülern und den älteren Schülern mit ihren maskierten Lehrern geht.

Schaden wird billigend in Kauf genommen

Dieser Schaden, der sich tief ins Seelenleben unserer kleinen Kinder frisst, dieser Schaden, der aus verhinderter Kommunikation und verhindertem Kontakt erwächst, wird aktuell billigend in Kauf genommen. Das entspricht im Strafrecht dem sogenannten „dolus eventualis“, dem bedingtem Vorsatz.

Politik, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Lehrerinnen, die sich dem Diktat zur Maske nicht entgegenstellen, nehmen billigend in Kauf, dass den Seelen unserer Kinder Schaden zugefügt wird.

Mutet das absurd an? Wo standen wir denn? Wie viele Eltern erschienen bei meinen Workshops und in der Praxis, weil sie sich der „artgerecht“-Bewegung anschließen mochten! Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor, füllt im ganzen Land Vortrags-Säle. Seine Maxime des „Kinder-verstehen“ (6), stand exemplarisch für den Konsens, den man in den letzten wenigen Jahren zum Thema Erziehung oder dem Gegenentwurf des „unerzogen“-Mottos (7), gefunden hatte. Gerade heute ist Jesper Juuls Ableben besonders unerträglich.

Wir sind beeinflusst von den 1980er Jahren. Von einer Zeit, in denen Kinder meist „so nebenher“ liefen, kreierten wir Eltern aus uns selbst eine Bewegung, die ihr Kind oft quasi projektbasiert zum Mittelpunkt des Lebens machten. Dazu nehme ich regelmäßig einen alternativen Standpunkt ein und ermutige Eltern, ihren Kindern die Möglichkeit zu geben, sich entlang ihrer ureigenen Anlagen entfalten zu können.

Und jetzt: Abstand halten, keine kritischen Nachfragen?

Ist das die konsequente Volte, also Kehrtwende in der Haltung zum Kind, die die reproduktive Nabelschau ausleitet?

Liebe Mitmenschen, liebe Eltern: Diese Frage beantworte ich mit einem entschiedenen „Nein“. Ich kann mich nicht mit Maske im Spiegel betrachten und meine Kinder in Schulen und Kindergärten, in Krippen oder zum Sportplatz schicken, in denen ein massiv entgleister Schutzwahn der Kultusministerien umgesetzt wird — an zahlreicher Stelle im vorauseilenden Gehorsam und aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen.

Rechtliche Konsequenzen? Was soll noch kommen? Was ist denkbar, nach der Pflicht zur Bedeckung unserer Nasen und Münder, die wir, ich sage es deutlich, auch zum Atmen benutzen? Was ist denkbar, nach der Pflicht, sich von seinen Freunden körperlich fernzuhalten, die unsere Kinder umarmen möchten? Was ist denkbar, nach der Ausgangsbeschränkung, wenn auch unkompliziert, ohne Passierschein?

Einer der Väter, die meine Praxis besuchen, stellte mir kürzlich eine Frage, die er selbst als beinahe spirituell bezeichnete. Er wollte wissen, weshalb denn nicht bekannt gemacht würde, dass Babies weitaus seltener an Koliken litten, wenn sie „abgehalten“ würden, also, ganz wie wir, große Menschen, nicht in eine Windel ausscheiden müssten, sondern sich an einem geeigneteren Ort erleichtern dürften.

Ich versuchte mich an einer versöhnlichen Antwort. Sie half nicht darüber hinweg: die Lobby der Kinder — wer ist das? Das ist niemand anderes, als wir Eltern. Wer heute möchte, dass seine Kinder in Würde und Freiheit groß werden dürfen, muss die Komfortzone verlassen. Und zwar umgehend — die Zeit drängt!

Im Namen unserer achtzigjährigen Mitmenschen, für die, gemäß offizieller Ansage, in vorauseilender Stellvertretung dieser Wochen regiert wurde, werden unsere Kinder in Sippenhaft genommen.

Hat man diese Menschen gefragt? Natürlich nicht. Die, die noch mündig sind, leiden hinter der Maske, diejenigen, die bereits entmündigt wurden, harren hinter verschlossenen Türen (8) — jetzt ersetzt durch Plexiglas-Scheiben (9).

Lassen Sie uns diesen Wahnsinn beenden. Lassen Sie uns anknüpfen an die Weisheit unserer Kinder. Wenn wir Ihnen jetzt zuhören, statt sie im Regenbogenmalen anzuleiten, wird wirklich alles gut.“


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/kretschmann-studie-kinder-virus-100.html
(2) https://www.theguardian.com/world/2020/may/26/global-report-disaster-looms-for-millions-of-children-as-who-warns-of-second-peak
(3) „Knochenbrüche oder Schütteltraumata“: Mediziner berichten von massiver Gewalt gegen Kinder — Politik — Tagesspiegel
(4) https://artgerecht-projekt.de/
(5) https://flexikon.doccheck.com/de/Cortisol
(6) https://www.kinder-verstehen.de/
(7) https://www.noz.de/deutschland-welt/familie/artikel/902368/unerzogen-als-erziehungskonzept#gallery&0&0&902368
(8) https://breakisolation.net/#panel1
(9) https://www.tagesschau.de/inland/pflegeheim-besuch-103.html

„Singen verboten!“

Ein Artikel von Prof. Dr. Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung in der SZ vom 02.05.2020. Er wird hier, bis zur Zustimmung des Autors, in Auszügen wiedergegeben.

Prantl lehrt als Honorarprofessor für Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Er hat Recht, Geschichte und Philosophie studiert, parallel dazu eine journalistische Ausbildung gemacht und im Urheber- und Wettbewerbsrecht promoviert. Bevor er 1988 als rechtspolitischer Redakteur zur SZ ging, war er sechs Jahren lang erst Richter, dann Staatsanwalt in Bayern.

Man wünscht sich ein Gutachten aus Karlsruhe: Wo sind die Grenzen für Grundrechtseingriffe, die selbst in größter Not nicht überschritten werden dürfen.“

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„Der Notstand erlaubt alles, die Ethik hingegen dankt ab. Wohin führt das?“

Die Virologen sind sich über die Bedeutung des Coronavirus selbst nicht immer einig, die Politiker hingegen schon. Das müsste eigentlich nachdenklich stimmen.“

Ein Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung von Giorgio Agamben am 05.05.2020

„Von verschiedener Seite hört man die Vermutung, dass wir gerade das Ende der Welt erleben – genauer: der Welt der bürgerlichen Demokratie, die auf den Grundrechten, den Parlamenten und der Gewaltenteilung gründet. Diese Demokratie überlässt demnach den Platz einem neuen Despotismus, der hinsichtlich der Allgegenwart seiner Kontrollen und des abrupten Endes jedweder politischer Aktivität schlimmer sein könnte oder dürfte als die totalitären Systeme, die wir bisher kannten. Ich denke, es ist an der Zeit, diese Vermutung sehr ernst zu nehmen.

„„Der Notstand erlaubt alles, die Ethik hingegen dankt ab. Wohin führt das?““ weiterlesen